Integrieren und rausintegrieren

Integration ist hart. Schon in der Schule war es schwer, Integrale zu lösen. Doch Integrieren gelingt immer, geht man schrittweise, in kleinen Integrationsbereichen vor. Dazu verwendet man aber nicht die nationale Methode der Kariertheit, sondern das international anerkannte numerische Streifenverfahren. Archimedes, ein Mann aus dem kaputten Griechenland, war der erste Integrierer. Seine Methode operiert nicht lokal, sondern flächendeckend. Sie ergibt eine Fläche, z.B. die selbst im dichtbesiedelten Deutschland freie Fläche für Migranten.

Integration liefert immer ein positives Ergebnis (∫f(x)dx > 0) — für alle positiven Funktionen, die das Integrieren haben sollte, alle positiven Integrationsbereiche (_a∫_b mit b > a und a, b > 0) und alle positiven Werte x.

Integrationstest für Deutsche:
1. Sind Sie rechthaberisch, z.B. beim Integral-Lösen?
2. Brechen Sie zu unerkennbaren Anlässen Streit vom Zaun?
3. Umzäunen Sie Ihren Stacheldraht?
4. Stacheln Sie andere dazu an?

Doch manchmal muss man zunächst über eine zweite Dimension integrieren, die negative Werte aufweist, z.B. die der hater h. In so einem Fall lautet die Integrationsformel ∫∫f(x,h) dx dh. h wird hier komplett „rausintegriert“  oder, wie man auch sagt, marginalisiert! So hat das Resultat, ∫f(x) dx, nichts mehr mit h zu tun; und man kann sich in Ruhe dem übrigen, Positiven, bei der Integration widmen.

 

Mit Euphemismen übertreiben

Zahnbelag heißt heute nicht mehr so, und nicht mal das frankophil aufpolierte Plaque gilt noch, sondern: Biofilm. Biofilm definiert sich seinerseits als „Lebensgemeinschaften von Bakterien, Pilzen oder Algen“. Ein keimiger Küchenschwamm firmiert dann als Biodiversitäts-Pumpe und Krebs als besonderes Gewebe. Wer eines allzumenschlichen Toilettenbesuchs bedarf, macht jetzt eine Biopause; statt von Krankheit spricht man bald von Gesundheitsauszeit, eine Arschgeige ist eine Beckenvioline.

Lobbyarbeit: Korruption nach Recht und Gesetz, für die man legal bezahlt  wird.

Der Planet erfährt bloß eine Umbruchphase, und ein Vergewaltigungsopfer solle, als müsse es sein Martyrium noch immer ertragen und als sei dies positiv, lieber Erlebende heißen. Dummheit praktizieren nennt man den Kopf frei von Gedanken kriegen; und Hass auf alle und alles, was man nicht kennt, beschönigt sich zu Skepsis, Beispiel: Zivilisations-Skepsis. Schließlich ist böse anders gut und der Tod der Aufbruch in ein neues Dasein (als verstreuter Atomhaufen).

Inverser Euphemismus sächsischer Mundart: schlafen gehen = ins Bett machen.

Die Verniedlichung von allem Negativen Alternativ-Positiven, sie streichelt die Mimose im Menschen, das erwachsene, auf den Mutterschoß zurück gefallene Baby.

Diese sarkastische Auseinandersetzung mit dem übertriebenen Gebrauch von Euphemismen ist gleichermaßen überzeichnet wie unterzeichnet. Unterzeichnet mit dem abrundenden Hinweis auf die Maßlosigkeit des Superlativismus.

Intellekt ist suspekt

Mag man die schlau Daherredenden nicht, weil sie schlau sind, oder weil es dumm ist, schlau daher zu reden? Nichts von beidem! Denn wer bei der Frage das Unbehagen des Möbelrückens im Oberstübchen spürt, denkt sich das Notwendige von selbst: hä?!
Fraglos besser als Fragen sind vorgefertigte Antworten: Hochmut kommt vor dem Fall! Und ein Fall über die eigenen Füße bzw. das Gestrüpp überlanger Neuronen erzeugt höchstens die Aufmerksamkeit von Spott.

Innovation, die es nicht braucht: Neuronen-Extensions

Kognitive Ökonomie Hirnkastl-Chillen spart Energie und verhütet die Folgen, die das Sinnieren nach sich zieht: Bedenken, notwendige Änderung im Handeln, neue Bedenken usw.. Beispiel: Der Blumenkohl unter der Schädeldecke teilt einem mit, dass man besser Brokkoli statt Fleisch äße. Geistesblitze heißen nicht umsonst so, denn sie gefährden alles andere im Kopf.

Doch durch das Bewusstsein um die Gefahren haben sich längst Erfolge eingestellt: Dauerurlaub fürs Gehirn in Medien,  Arbeit und Politik. Ja, die Gesellschaft wird allgemein kaum noch von Intellektuellen geplagt, wie die Intellektuellen-Charts zeigen.

„Biste was Besseres!?“ (Korrekte Anrede einer Buchleserin, nicht nur auf dem Teutonengrill)

Ungezählte Schreiberkollegen verzichten bereits auf Verstandestätigkeit. Zurecht, denn wer will die Leserschaft bemüßigen, die im Fitness-Studio mühsam den Kopf frei von Gedanken kriegt?

Wie einst die Schlange die Sünde in die Welt brachte, bringt uns heute der Intellektuelle nicht nur kraftraubendes Hirnjogging (ohne Muskelgewinn), sondern die Zukunftsaussicht des Untergangs. Brauchen wir die? Macht es unseren Konsum, unseren Malediven-Urlaub angenehmer, wenn wir wissen, dass wir das Ende einer Hochkultur erleben?

Der Text schließt mit einer dicken Entschuldigung für die Restgedanken, die er trotz  mentaler Passivität enthalten mag! Gelingt die einem nicht, dann lieber noch siebengescheit als neunmalklug.

Humor ist kein Spaß!

Lachen befreit, welch schöner Mechanismus! Aber man gebraucht ihn nicht aus Spaß, sondern aus Not, als „Mittel gegen Angst“ (Leo Fischer), Irrsinn und drittklassigen Fußball. Ebenso gibt es keinen Galgenhumor ohne Galgen oder  wenigstens einen kleinen Tod (in Fortnite).

„Satire bedeutet, einen Witz in guter Absicht zu machen.“ (Tim Wolff) Mithin zu scherzen, um Himmelschreiendes und die Infamität der öffentlichen Verhandlung von Menschenrettung anzuprangern. Kein Jux auch, wenn einem, der sich selbst in die rechte Ecke gestellt hat, bescheinigt wird, satirisch zu agieren.

Was aber ist eine gute Absicht?

Warum ist rechts nicht gut, bloß weil sich Rechtssein gegen Minderheiten, Schwache und Aufklärung richtet? Weshalb ist Zivilisation besser als Barbarei? Die fehlende Letztbegründung beendet die Diskussion pointenfrei mit der Nichtantwort auf die Frage: Warum ist böse nicht gut?
Folglich verursacht Satire moralinsaure Diskussionen.

Und sie reagiert immer nur, nämlich auf Missstände. Sie existiert nur durch das Verachtenswerte, Abscheuliche und die Altenbockums dieser Welt.

„Geht eine Maus um die Ecke und ist weg.“ Vermag ein Antiwitz die Wirkung eines Witzes aufzuheben?

Humor dagegen ist schlichtes lustig finden; dies kommt am benutzerfreundlichsten zum Einsatz, wenn dümmste Vorurteile bestätigt werden. Hier ist das Lachen selbst das Ärgernis. Statt vollkoffrig kann Humor aber auch tief verschnarcht sein und damit den ernsten Hintergrund einer Schlafstörung (Tagesmüdigkeit) haben.

Schwindel Humortheorien: Theorien ohne Humor.

Finales Argument gegen die Gaudi des Lachens: Martin Sonneborn zufolge bietet Satire eine „Alternative zum Bomben werfen“. Die satirische Haltung zum Leben, sie ist knapp neben dem Terrorismus angesiedelt. Und sie speist sich daraus, welche Komiker die Geschicke der Welt lenken. Eine Komikerin indes zetert dagegen, eine zu sein. Komisch ist das alles nicht.

Mit Phrasen ein Stück weit vollumfänglich liefern

Phrasen sind das tägliche Brot, das Patentrezept für eingebrockte Suppe und das Salz in dieser, die Sie als Textnehmerin auszulöffeln haben. Da müssen Sie jetzt erstmal schlucken, wenn Ihnen der Besuch dieser Seite wie ein Sack Reis auf die Füße fällt und das harte Brot der Lektüre im Halse stecken bleibt. Doch damit setzen Sie ein Zeichen – für Hartsein im Nehmen. Und wenn ich nun einen Punkt mache, setze ich ein Zeichen für Zeichensetzung.

Floskeln sind, verkürzt gesagt, das A und O für den Mann auf der Straße. Ihm steht wie Ihnen, wertes Textobjekt, ins Gesicht geschrieben, dass er nur diese Sprache spricht. Ihm wie Ihnen muss man nach dem Mund reden. Vorteil für Sie: Die „Wortcontainer“ können Sie mit allem befüllen, was der Text nicht hergibt, z.B. mit Äpfeln und Birnen, wenn Sie etwas vergleichen wollen, oder schiefen Bildern, wenn Sie  mir abkaufen, dass das hier Kunst sein soll. Wir beide, Sie und ich, wissen, was gemeint ist. Da bin ich also ganz bei Ihnen! Die DNA des Miteinanders geht ihre eigenen Wege. Läuft.

Frische Denke, die noch in den Startlöchern steht, hat Position zu beziehen, darf sich aber sprachlich nicht aus dem Fenster lehnen. Angedachtes braucht den Klang der Straße, muss klingen, wie Max Mustermann und Lieschen Müller der Schnabel gewachsen ist. Sonst droht Gegenwind, sonst wirft der Shitstorm vom Ponyhof des Lebens seinen Schatten voraus. Wenn nicht, weht der andere Wind von dem Kleinvieh unter uns, das Mist macht. Andererseits sag‘ ich mal so: Wer meinungsmäßig breit aufgestellt ist, muss auch mal zuspitzen, ein Stück weit vollumfänglich Klartext liefern. Will sagen: Wo immer wir zielorientiert handeln, ist ein Ende in Sicht, aber der Weg ist das Ziel. Da staunen Sie jetzt, was?

Zusammenfassend ist an dieser Stelle festzuhalten: Wer wie ich nachhaltig an seinem Schreibtischstuhl klebt und bei der Wortfindung nach Atem ringt, hat noch Luft nach oben. Ich trete für meine Überzeugung ein, aber Hand aufs Herz, am Ende des Tages darf der Apfel nicht weit vom Stamm fallen und muss in trockenen Tüchern liegen. Wer sich zeitnah der Herausforderung stellt, blumige Worte zu liefern, muss beim Doppelpass mit der Leserin den Ball flach halten, und Plattitüden helfen dabei. Der Bauer drischt die Base, der Journalist die Phrase. Ist so.

Sollte dies nicht aufgehen, darf man gespannt sein. Wichtig ist an dieser Stelle noch, dass alles andere den Rahmen sprengen würde. Machen Sie selbst sich ein passendes Bild. Nun habe ich meine Bürgerpflicht getan und Leute wie Sie begeistert. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Ein Zuhause für die Heimat!

Wer geistig heimatlos, dem schenkt die Perspektive seines Welt-Erlebens den Stolz, Zentrum des Universums zu sein. Rundherum befindet sich Heimat, heim@home (Sinnbild klammernder Affe). Sie erstreckt sich bis zum eigenen Horizont. Die freiwillige Selbstverpflichtung, diesen nicht zu überschreiten, schützt das Weltbild, das schief im Kopfkino des Oberstübchens hängt. Dort läuft ein Heimatfilm. Auf deutschem Waldboden stehen (bodenständig) ein Jäger und ein blondbezopftes Mädel. Der Jäger richtet das Fadenkreuz auf ein schwarzes Schaf.

Reisewarnung: „Die Heimat stirbt auf Reisen.“ (aus dem Ausland)

Heimat ist …

hut.jpg der Eigensaft, in dem du schmorst, die Schwitzigkeit von Schmorbraten und alten Turnhallen

hut.jpgdie Schlachtplatte auf dem Eichentisch und in der blutgetränkten Erde

hut.jpgdas beschauliche Sentiment beim Anblick von weißgelben Gardinen, Zirbelstube und ausgestopfen Tieren

hut.jpgdie heimelige Lauschigkeit von Marschmusik und braunem Almgedudle

hut.jpg die Wellness, die aus der ins rechte Licht gerückten Geschichte entsteht

hut.jpg die Gemütlichkeit der Weltanschauung, in der alle anderen Trottel sind

hut.jpg die Rückentwicklung in die Kindheit, in der du mit Seppelhut herumgelaufen bist

hut.jpg der Ort, an der Gast mit „geh doch heim!“ begrüßt wird

 

 

Preußen: Land von Laissez-faire und Frieden

Preußen ist die Wiege von Vaterland, Mutterwitz und Soldatenkindern. Seine Gloria setzte die Saat der Deutschen Nation, man kultivierte Klopse und Kloppe, und auch jenseits von Berlin und Königsberg übernahmen Grünkohl und Pinkelwurst das Kommando. Schnaps hielt das Blut der Hohenzollern blau, wodurch bis heute der deutsche Adel mit Strahlkraft und Schlagfertigkeit voraus marschiert.
Die Ruhmesgeschichte preußischer Stiftung griff auf die Mode über und fand im Pickelhauben-Style ihren Gipfel als feine Spitze gegen die Samtgewänder des Franzmanns. Doch statt sich nur im eigenen Gurken-Sud zu räkeln, ließ das preußische Weltbürgertum das Ausland an der eigenen Überlegenheit teilhaben. Saure-Gurken-Zeit für alle, die Deutschlands Unbesiegbarkeit leugneten!
Großmännische Geste dafür: Die Welt durfte am deutschen Wesen genesen, und Deutschland begnügte sich im Gegenzug mit dem moralischen Sieg in beiden Weltkriegen.

„Saupreiß, chinesischer!“ (Bayrische Skepsisbezeugung)

Doch, zugegeben, Preußen hat Deutschland nicht auf leeren Boden gebaut. Es profitierte von der urigen Barbarenkultur mit Bio-Communities in den Wäldern, von mittelalterlichen Trutzburgen, dem Judenhater Luther, Goethe und dem engmaschigsten Zollsystem der Welt. Müßig zu erwähnen, dass Deutschland niemals blutleer war, dass die Blut-und-Boden-Definition der deutschen Nation auf millionen Heldengräbern fußt.

Heute sagt man, das Ausland soll sich wohlfühlen!, Deutschland habe seine Legion Lektion gelernt. Fürwahr: Von den Rezepten preußischen Drills und Dills profitieren noch immer die Kinder ambitionierter Bioeltern in Potsdam und Co. Ihre Heimatliebe äußert sich in Mobilität zwischen Wohnburg  und Biorinderfarm. Der tradierte Militarismus,  er wird heute im Straßenverkehr ausgelebt; und wenn gerade kein Krieg stattfindet, winkt bei der täglichen Verbalschlacht immerhin ein kleiner Sieg.

Streittext

Es gibt immer Grund zu streiten, man muss nur einen finden. Streitbare Menschen sind da ausgenommen, denn sie sind Streitgrund in persona. Wer keine Streitlust empfindet, dem kommt sie wie  die Begierde beim Sex, wenn einem einer einen Streit aufzwingt. Dies bewerkstelligen Monologiker; Menschen, die anderen ungefragt die Welt auseinandersetzen. Resultat: eine Auseinandersetzung.

Kommt eine Meinungskollision zustande, lassen Gruppenprozesse Passanten wortgewaltig in ein Verbalscharmützel einsteigen. Bei idealer Kooperation folgt dem Wortbattle ein Konfliktmanagement mit Fäusten. Rechtsausleger haben da Vorteile. Gibt es jedoch zu derbe auf die Fresse, ist weiterer Zwist zwar wahrscheinlich; der konflikterprobte Mund kann aber keine Hassworte mehr formen. Ausweg dann: virtueller Zank. Es lässt sich ehrlicher, zivilisationsferner streiten, wenn man jemandem die Unsympathiebezeugung nicht ins Gesicht sagen muss. Nachteil: Orthographieunfälle lenken oft von der Sache, der Hassbezeugung, ab.

Metastreits heben einen Disput auf eine höhere Ebene, z.B. die der Argumentationslogik (ohne die gelingt die Verachtung des Streitpartners besser). Finden die Kontrahenten auf der Metaebene nicht im Streit zusammen, lässt sich trefflich darüber streiten, wer daran schuld ist.

Den Feinschmeckern unter den Streithanseln bietet das Schmollen eine Alternative. Diese „kulturell verfeinerte Aggression“ dient dem Belohnungsaufschub. Wer eine Weile beleidigt ist, versammelt die Kräfte des Unfriedens in sich, um dann umso lauter Krach zu schlagen. Passive Aggressivität ist nicht per se verkehrt. Doch wer einmal eine Latte vom Zaun bricht, muss sie auch in eine Rangelei einbringen. Hickhack muss keine Metapher bleiben. Benehmen, gewaltfreie Kommunikation oder gar Anti-Aggressionstraining stehen der Animosität feindselig gegenüber und sind daher abzulehnen.

Differenzen einfach ausrechnen, die objektive Streitkultur der Mathematik

Zwist ist zunehmend intrinsisch motiviert. Stunkprofis brauchen keinen Streitgrund. Sie haben sich perfekt dem Gesellschaftsprinzip jeder gegen jeden angepasst, tragen die Verrohung im Herzen und lassen sich von ihrer Intuition leiten. Veritablen Streits ist gemein, dass nach dem Meinungsbattle jeder seine Sicht der Dinge behält.  Weiterer Knatsch ist so gewährleistet.

Amoral ist die neue Moral

Moral war einst entstanden, weil moralisches Verhalten das Miteinander einer sozialen Gemeinschaft förderte. Heute fördert Moral das miteinander Streiten über Moral und die richtige Richtung des moralischen Kompasses. In der Politik [ist Moral] selbstverständlich keine Kategorie, außer wir wollen jemandem schaden.“ Was nun begrüßenswerterweise die Politik qua Irrelevanz entlastet, gereicht ihr andererseits zum Vorwurf: Die Politik handle nicht moralisch, sie handle gar amoralisch, bloß weil sie die Natur und die (im Wettbewerb der kulturellen Evolution zurecht) unterlegenen Völker zum Untertan der eigenen Prosperität macht. Moralische Verkürzung dabei: Die Rolle des Planeten als Akteur wird totgeschwiegen. Dabei sähe die Welt ganz anders aus, wäre die Natur nicht so ein Sensibelchen.

Faktum: Die ersten Moralapostel trugen Sandalen mit veganer Sohle.

Jedoch gibt es Ausnahmen, in denen „Werte“ einen verteidigungswerten Wert (in definierter Währung) besitzen; beispielsweise wenn sich Moralapostel anschicken, dem Diesel-Automobil den Lebensraum zu entreißen. Ansonsten missbraucht ihr Benutzer die Moralkeule, um dem angeblich Unmoralischen den Zeigefinger vors Gesicht zu halten. Der Zeigefingermoralist kompensiert damit sein moralisches Versagen. Man denke bloß an die Baumkuschler vom Hambacher Forst, die sich (abgesehen von ihrer energiefeindlichen Haltung) durch Konsumverweigerung am Bruttosozialprodukt versündigten, während andere pflichtbewusst im eigenen Whirlpool ein flying Dinner einnahmen (von der Betreuung durch Gunstgewerblerinnen gar nicht zu schreiben). Goldene Regel: Das inmitten von Goldarmaturen gepredigte Wasser darf nicht mit dem getrunkenen Chateau Margaux vermischt werden. Echter Altruist, wer sich dran hält. Allgemein gültiges Gesetz der Tugend: Die einen reden moralisch, die anderen handeln so. Beides schließt sich logisch aus. Moral ist eine Obsession der selbsterklärten, in Wirklichkeit hedonistischen Schutzengel aller Armen und Schwachen. Tatsächlich gut ist die offen „amoralische“ Lebensweise. Argument gefällig? Selbst im Sinne der „Kaulquappennummerierer“ (Gerhard Polt) agiert löblich, wer den „Untergang“ beschleunigt, den Akzelerationismus vorlebt, damit es schneller mit Zivilisation 2.0 losgehen kann.

Diese Moralumkehrrevision schenkt dem pharisäischen Moralisten den sauren Wein der Wahrheit ein. Die Polung von gut und böse, schwarz und weiß, Existenz und Nichtexistenz ist willkürlich. Deepes Argument aus der Physik: Materie könnte genauso Antimaterie heißen. Nun führen andere zum Beweis der Ununterscheidbarkeit von Menschenrettern im Mittelmeer und Rüstungskonzernen Grautöne an, argumentieren gegen die Dichotomie von Gut und Böse. Doch die Polungswillkür widerlegt die graduelle Betrachtung. Das Mittelgrau des Novembers wäre bei umgekehrten Vorzeichen genauso mittelgrau. Schlussendlich will die Schlange des Paradieses geküsst werden, verlangt die Fehlinnovation der Moral nach Befriedigung. Ein Buchstabe vor „Moral“, gleich der erste des Alphabets, und die Dinge fügen sich.

Überarbeitet am 21.11.2018