Moral war einst entstanden, weil moralisches Verhalten das Miteinander einer sozialen Gemeinschaft förderte. Heute fördert Moral das miteinander Streiten über Moral und die richtige Richtung des moralischen Kompasses. In der Politik [ist Moral] selbstverständlich keine Kategorie, außer wir wollen jemandem schaden.“ Was nun begrüßenswerterweise die Politik qua Irrelevanz entlastet, gereicht ihr andererseits zum Vorwurf: Die Politik handle nicht moralisch, sie handle gar amoralisch, bloß weil sie die Natur und die (im Wettbewerb der kulturellen Evolution zurecht) unterlegenen Völker zum Untertan der eigenen Prosperität macht. Moralische Verkürzung dabei: Die Rolle des Planeten als Akteur wird totgeschwiegen. Dabei sähe die Welt ganz anders aus, wäre die Natur nicht so ein Sensibelchen.

Faktum: Die ersten Moralapostel trugen Sandalen mit veganer Sohle.

Jedoch gibt es Ausnahmen, in denen „Werte“ einen verteidigungswerten Wert (in definierter Währung) besitzen; beispielsweise wenn sich Moralapostel anschicken, dem Diesel-Automobil den Lebensraum zu entreißen. Ansonsten missbraucht ihr Benutzer die Moralkeule, um dem angeblich Unmoralischen den Zeigefinger vors Gesicht zu halten. Der Zeigefingermoralist kompensiert damit sein moralisches Versagen. Man denke bloß an die Baumkuschler vom Hambacher Forst, die sich (abgesehen von ihrer energiefeindlichen Haltung) durch Konsumverweigerung am Bruttosozialprodukt versündigten, während andere pflichtbewusst im eigenen Whirlpool ein flying Dinner einnahmen (von der Betreuung durch Gunstgewerblerinnen gar nicht zu schreiben). Goldene Regel: Das inmitten von Goldarmaturen gepredigte Wasser darf nicht mit dem getrunkenen Chateau Margaux vermischt werden. Wahrer Altruist, wer sich dran hält. Allgemein gültiges Gesetz der Tugend: Die einen reden moralisch, die anderen handeln so. Beides schließt sich logisch aus. Moral ist eine Obsession der selbsterklärten, in Wahrheit hedonistischen Schutzengel aller Armen und Schwachen. Tatsächlich gut ist die offen „amoralische“ Lebensweise. Argument gefällig? Selbst im Sinne der „Kaulquappennummerierer“ (Gerhard Polt) agiert löblich, wer den „Untergang“ beschleunigt, den Akzelerationismus vorlebt, damit es schneller mit Zivilisation 2.0 losgehen kann.

Diese Moralumkehrrevision schenkt dem pharisäischen Moralisten den sauren Wein der Wahrheit ein. Die Polung von gut und böse, schwarz und weiß, Existenz und Nichtexistenz ist willkürlich. Deepes Argument aus der Physik: Materie könnte genauso Antimaterie heißen. Nun führen andere zum Beweis der Ununterscheidbarkeit von Menschenrettern im Mittelmeer und Rüstungskonzernen Grautöne an, argumentieren gegen die Dichotomie von Gut und Böse. Doch die Polungswillkür widerlegt die graduelle Betrachtung. Das Mittelgrau des Novembers wäre bei umgekehrter Polung genauso mittelgrau. Schlussendlich will die Schlange des Paradieses geküsst werden, verlangt die Fehlinnovation der Moral nach Befriedigung. Ein Buchstabe vor „Moral“, gleich der erste des Alphabets, und die Dinge fügen sich.

Überarbeitet am 21.11.2018

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